2014_APG Open Source_Interview Vorstand

APG Open Source 2014: Auf dem Weg zur lebendigen Community

Identität ist das Thema der APG-Tagung ‚Open Source 2014′. Was genau dahinter steckt und wie sich der Verband der deutschen Strategen aktuell entwickelt, diskutierte ’nb‘-Chefreporter Torsten Schöwing mit den APG-Vorständen Stefanie Kuhnhen, Achim Rietze, Vincent Schmidlin, Holger Schneider und Lea Stenger.

 

Fußball ist eigentlich immer ein gutes Warm-up-Thema, um die Stimmung vor einem Interview zu lockern. Denn über Fußball redet jeder gerne – zumal in einer aufregenden Zeit, in der der HSV um sein Dino-Dasein zittert, das Champions League-Finale elektrisiert und die Weltmeisterschaft ansteht. Tja, und dann outet sich der Großteil des APG-Vorstands als fußballmuffelig.

nb: Alle reden gern und viel über Fußball – nur die APG scheinbar nicht. Was ist da los?

Holger Schneider: Ganz so ist es ja nicht! Auf der Open Source haben wir Klaus Martens zu Gast, der in seiner Dokumentation ‚Wir die Wand. Identität auf 25.000 Stehplätzen‘ elf ganz unterschiedliche Charaktere aus dem Fanblock von Borussia Dortmund vorstellt – vom Uniprofessor bis zur Rentnerin. Diese Dokumentation passt sehr gut zum Thema Identität, dem Leitbegriff der Open Source 2014.

 

nb: Im vorigen Jahr ging es auf der Tagung um Rebellion, also ein eher expressives Thema. Das diesjährige Motto „Identität – Das Ich in Uns“ klingt hingegen nach Kontemplation und innerer Einkehr – ein bewusster Kontrapunkt?

Vincent Schmidlin: Einen Kontrapunkt zu setzen war eigentlich nicht unsere Absicht. Vielmehr haben wir in unserem Beruf ja alltäglich mit Identitäten zu tun – und diese zu erschaffen, zu entwickeln und zu managen gehört zu den spannenden, aber auch sensibelsten Aufgaben jedes Markenverantwortlichen.

Stefanie Kuhnhen: Das Thema Identität beschäftigt die Gesellschaft derzeit sehr. Am Ende des Tages dreht es sich für Planner und Marken, aber auch jeden einzelnen Menschen um das Thema Selbstverwirklichung. Fragen wie ‚Wer bin ich?‘ oder ‚Wie bin ich?‘ beschäftigen uns alle, weil wir uns so differenzieren können – wir befinden uns in unserer Gesellschaft ja schon an der Spitze der Bedürfnispyramide.

 

nb: Da würde Conquita Wurst als Überraschungsgast gut zum Thema der Open Source passen…

Schmidlin: Mit Vincent Beringhoff haben wir einen Redner dabei, der mindestens genauso interessant das Thema Identitätswechsel behandelt. Beringhoff war früher eine Frau, fühlte sich in seiner Haut aber nie wohl und entwickelte sich deshalb zu einem Mann. Überhaupt hat das Thema Identität eine enorme Bandbreite. Beim bereits angesprochenen Dortmund-Fanblock etwa geht es um die Spannung zwischen individueller und kollektiver Identität. Die Einflussfaktoren bei der Identitätsbildung beleuchtet hingegen Dr. Stevie Schmiedel. Sie spricht über den Einfluss von Kommunikation und Medien auf das Selbstbild und die Identitätsentwicklung von Jugendlichen.

 

nb: Spannend zu werden verspricht auch der Auftritt der Human Agency, die – ich zitiere aus dem Programm – „zwei involvierende ‚Prototype yourself‘-Sessions“ anbieten wird. Auf was darf man sich da einstellen?

Kuhnhen: Mit diesen beiden Frauen gibt es erstmals in der APG Open Source-Geschichte einen Workshop, auf den wir selbst sehr gespannt sind. Die Akteure von Human Agency nutzen Körperübungen, um sich selbst wirklich ‚er-spüren‘ zu können – und zwar in allen Facetten..

 

nb: Da hat sich wohl jemand von Rudolf Steiners Eurhythmie inspirieren lassen…

Kuhnhen: Möglicherweise. Man soll sich über Körperlichkeit selbst erfahren – mit dem Ziel zu zeigen, dass jeder in sich verschiedene Persönlichkeiten hat. Diese zu identifizieren und gezielt in unterschiedlichen Situationen nutzen zu können, das ist der Ansatz.

 

nb: Das Ich in Uns und das Uns im Ich – das klingt fast etwas spirituell…

Achim Rietze: Vor allem ist Identität kontextuell! Jeder versucht in der Welt, in der man sich gefunden hat, eine Rolle zu finden. Dieses Bild ist durch vieles bestimmt – durch Familie, Kultur und Zeitgeist zum Beispiel. Soll heißen: Identität ist nicht nur, wie ich mich sehe oder sehen will, sondern auch, wie es die anderen tun. Sprechen wird darüber auch Raul Krauthausen. Er hat das Buch ‚Dachdecker wollte ich eh nicht werden‘ geschrieben, den Verein Sozialhelden gegründet und die Wheelmap mitentwickelt, eine App mit der man rollstuhlgerechte Orte finden und markieren kann. Das Interessante an Krauthausen, der übrigens auch als Marketingexperte arbeitet: Das mediale Zerrbild von Behinderten als Opfern entspricht nicht seinem Selbstbild. Für ihn ist der Rollstuhl keine Fessel, sondern bedeutet vielmehr Freiheit.

 

nb: Reden wir über die Entwicklung der APG. Vor zwei Jahren war der Verband dabei, die Marke von 400 Mitgliedern zu knacken, im vorigen Jahr waren es bereits 500 – und jetzt womöglich 600?

Schmidlin: Das nicht, aber auch wenn wir im vorigen Jahr keine weitere 100 neue Mitglieder hinzugewonnen haben: Der Zuspruch zu unseren Veranstaltungen und Workshops ist rege wie nie. Es hat sich sichtlich gelohnt, viel Zeit und Geld in das Programm zu investieren. Der Verband hat dadurch stark an Attraktivität und Aktivität gewonnen. Neben den bereits zuvor bestehenden Formaten – Strategy Corner, Junioren-Workshops, Chefsachen etc. – haben wir weitere auf den Markt gebracht, in Zusammenarbeit mit Facebook zum Beispiel den Workshop ‚Planning with Facebook‘ und zusammen mit dem GWA noch ein Effie-Seminar. Das alles sind weitere Schritte, damit wir von einem Verband zu einer lebendigen Community werden.

Kuhnhen: Uns ist wichtig, das Engagement des Verbandes, das Verbindende und den Mehrwert zu erhöhen. Das ist das, was wir uns als Vorstand vor einem Jahr auf die Fahnen geschrieben haben…

 

nb: …und was nach außen nicht nur durch ein aufgehübschtes Logo sichtbar geworden ist, sondern vor allem durch den runderneuerten Webauftritt.

Rietze: Die alte Website war schon recht antiquiert. Strategy Corner-Artikel als pdf auf dem iPhone lesen? Da musste was passieren. Heute ist alles mobilfähig. Und wir führen sukzessive neue Funktionen ein. Vom integrierten Amazon-Bookshop über einen eigenen Planning Slideshare-Channel bis hin zu APG Training- und Event- Bookings und einem bunten Strategy Blog, der Heimat für neue Content-Formate. Unserem Motto sind wir dabei treu geblieben: Zusammen. Nach vorne. Auf den Punkt.

Schneider: Und wir wollen künftig stärker die Leistungen zeigen, die unsere Mitglieder durch ihre Mitgliedschaft im Verband erhalten. Das ist viel wichtiger, als jedes Jahr 100 neue Mitglieder zu bekommen.

 

nb: Wo wir schon so viel über Vernetzung sprechen: Was ist aus den Plänen geworden, die Internationalisierung der Planning-Bewegung voranzutreiben, also mit den Verbänden in anderen Ländern enger zusammenzuarbeiten?

Schmidlin: Die Zusammenarbeit mit den Planner-Verbänden in der Schweiz und in Österreich haben wir stark ausgebaut – wir werden 2015 erstmals eine gemeinsame Planning- Konferenz aller drei Verbände organisieren.

 

nb: Hört sich eher nach einer riesigen Jobbörse an, bei sich die Agenturen gegenseitig die Planner abwerben – an einem Abend lassen sich praktischerweise gleich 50 Bewerbungsgespräche führen…

Schneider: Da kennen Sie die Branche schlecht: Gespräche zwischen Plannern dauern grundsätzlich sehr, sehr lange, da schafft man keine 50 am Abend…

 

nb: Okay, ich richte mich schon mal auf ein längeres Interview mit Ihnen ein. Aber zurück zur Internationalisierung – was hat sich da noch getan?

Schmidlin: Neu ist auch, dass man mit der Mitgliedschaft in Deutschland, Österreich oder der Schweiz die Vorteile aller drei Verbände nutzen kann. Durch die Schweizer Organisation hat sich zudem eine Kooperation mit dem Gottlieb Duttweiler Institute ergeben, durch die unsere Mitglieder an Publikationen und Workshops des GDI zu vorteilhaften Konditionen kommen.

 

nb: Fehlt eigentlich nur noch ein gemeinsamer Planning- Award der deutschsprachigen Verbände. Über so einen Preis wird ja seit Jahren gemunkelt…

Schmidlin: Wir drei Verbände haben das tatsächlich diskutiert, sind aber zum Schluss gekommen, es nicht zu machen.

Rietze: Es gibt bereits den GWA-Effie, den Euro-Effie, den Global-Effie, hinzu kommen weitere Effizienz-Awards wie der AME oder der Creative Effectiveness Lion in Cannes – und damit eine Menge Möglichkeiten, als Planner zu glänzen.

Lea Stenger: Die Frage ist ja auch, inwieweit so ein Award für die APG überhaupt identitätsstiftend wäre. Wahrscheinlich wäre der Mehrwert nur gering. Besser erscheint es uns daher, den GWA zu unterstützen und dabei zu helfen, den Effie weiter nach vorne zu bringen.

 

nb: Der APG-Vorstand ist seit vorigem Jahr mit sieben Mitgliedern groß wie nie. Zu Larissa Pohl von Ogilvy & Mather, Vincent Schmidlin von Scholz & Friends und Wolfgang Steiner von Designit gesellten sich neu Stefanie Kuhnhen von Grabarz & Partner, Achim Rietze von Lukas Lindemann Rosinski, Holger Schneider von Syzygy sowie Lea Stenger von Rapp Germany als Junior-Vorstand. Nun jedoch schrumpft er wieder: Pohl, Rietze und Steiner treten nicht noch einmal an. Dafür kandidiert Nils Wollny von SinnerSchrader neu.

Schmidlin: Wir haben allerdings das Versprechen einiger ausscheidender Vorstände, sich weiter stark im Verband einzubringen. Und das freut uns sehr!

Rietze: Seit Jahren bin ich als Workshop-Coach dabei und werde das auch weiter mit Freude sein. Der Vorstandsposten ist für mich keine Anstecknadel, sondern Anpackpflicht. Das Schöne daran: Was man doof findet, kann man besser machen. Und eigene Ideen im Vorstand umsetzen. Ein Rotationsprinzip tut der APG daher gut.

 

nb: Es fällt auf, dass es bei der APG deutlich organisierter zugeht als früher. Oder täuscht der Eindruck?

Schmidlin: Wir sind heute tatsächlich viel organisierter. Und dafür gibt es auch einen Grund, und das ist Stefanie Buchwitz, unsere im vorigen Jahr gestartete Projektleiterin. Sie hält bei uns die Fäden zusammen und ist das organisatorische Rückgrat, ohne das unsere vielen Veranstaltungen gar nicht laufen würden.

 

nb: Wie schön, endlich haben die Planner einen Plan! Da versuche ich es – trotz der Enttäuschung vom Anfang des Interviews – zum Abschluss einfach noch einmal mit dem Thema Fußball: Wäre die APG ein Fußballteam, welches wäre sie?

Schmidlin: Ich würde sagen Jamaika – die sind immer cool!

Kuhnhen: Aber vielleicht etwas zu chaotisch. Ich finde, wir sind inzwischen – Stefanie Buchwitz sei Dank! – kein chaotischer Haufen mehr. Sondern eher gut geordnet wie die deutsche Nationalmannschaft – und Stefanie macht uns den Jogi!

 

(Interview: Torsten Schöwing)

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