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„Wieso, weshalb, warum, warum … wer nicht fragt, bleibt dumm!“

Die Möglichkeit, Fragen zu stellen, wird in unserem Geschäftsalltag viel zu selten genutzt. Meist operieren wir in einer Art Autopilot und hinterfragen nicht die Dinge, die wir tun. Dabei kann man durch Fragen zu wichtigen Perspektivwechseln gelangen.

Von Birgit Käsbeck und Stefan Klung, Geschäftsführung KäsbeckKlung, Essen

 

Das Fragen ist eine Grundfertigkeit des Menschen, mit der er sich seine Umwelt erschließt. Dennoch wird die Möglichkeit, Fragen zu stellen, in unserem Geschäftsalltag viel zu selten genutzt. Meist operieren wir in einer Art Autopilot und hinterfragen nicht die Dinge, die wir tun. Woher kommt dieses Phänomen? Um es besser zu verstehen, müssen wir einen Blick in unsere Vergangenheit werfen.

 

Negative Konnotation von Fragen

Mit „wer, wie, was, wieso, weshalb, warum, wer nicht fragt, bleibt dumm“ werden wir als Kinder in der Sesamstraße zum forschenden Fragen motiviert. Aber Fragen haben in unserer Gesellschaft oftmals auch eine negative Konnotation. Fragen vermitteln Ahnungslosigkeit, Antworten hingegen Wissen. Fragen verunsichern. Antworten beruhigen. Fragen ist verpönt und nicht ohne Risiko: wer fragt, muss mit Gegenwind rechnen, weil sich Autoritäten in Frage gestellt fühlen. Fragen zu stellen, ist gesellschaftlich nicht erwünscht. Warum genau?

Eine Ursache liegt in unserem Bildungssystem. Kinder stellen die Welt noch intuitiv in Frage, um Neues zu lernen und sich weiter zu entwickeln. Wissenschaftler haben herausgefunden, dass ein Kind im Alter von vier Jahren im Schnitt rund 390 Fragen pro Tag gestellt hat. Unser Bildungssystem ist jedoch darauf ausgerichtet, uns auf Antworten zu trimmen. Belohnt wird, wer die richtige Antwort weiß und nicht, wer die richtige Frage stellt. Fragen ist das Recht des Lehrers, nicht des Schülers. Jedes Nachfragen hätte einen möglichen Kontrollverlust des Lehrers bedeuten können. Im Laufe des Erwachsenwerdens verlieren wir diese Gabe wieder zunehmend, da sie uns systematisch abgewöhnt wird. Das ist auch bis heute in Unternehmen zu spüren, denn die Generation, die heute vordergründig führt, ist von diesen Lehrern noch ausgebildet worden.

 

Die Kunst des klugen Fragens wiederbeleben

Der Innovationsguru Clayton Christensen stellt fest, dass Fragen bei vielen Firmenchefs auch immer noch als »ineffizient« gelten. Es erledigt sich einfach vieles leichter, wenn wir es nicht in Frage stellen. Deswegen hat sich in vielen Unternehmen, bewusst oder unbewusst, eine Firmenkultur etabliert, die ihre Mitarbeiter davon abhält, Fragen zu stellen. Führungskräfte sind so sehr darauf bedacht, zu handeln und etwas zu tun, dass sie oft meinen, sie hätten nicht die Zeit, auf Distanz zu ihrem Handeln zu gehen, zu reflektieren, was sie eigentlich tun und zu überlegen, ob sie überhaupt noch auf dem rechten Weg sind. Der „operative-excellence-Modus“ trägt noch seinen Teil dazu bei.

Dabei kommt es heute mehr denn je darauf an, die „Kunst des klugen Fragens“ wieder zu beleben, um zu kreativen Lösungen zu gelangen. Bislang war meistens derjenige am erfolgreichsten, der wusste, wie die Dinge laufen. Doch in einer digitalisierten Welt sind Informationen zu einer Massenware geworden, die uneingeschränkt rund um die Uhr zur Verfügung steht. Ausgerechnet diese Inflation des kollektiven Wissens sorgt dafür, dass die Qualität der Frage proportional umgekehrt zunimmt. Nur wer fragt, eröffnet Räume und schon E. E. Cummings wusste: „Eine schöne Antwort erhält stets der, der eine noch schönere Frage stellt.“ Das bedeutet konkret: es macht heutzutage mehr Sinn, sich lange Zeit mit der Frage zu beschäftigen als mit der Recherche: „Wenn ich eine Stunde Zeit hätte, um ein Problem zu lösen und mein Leben hinge davon ab, eine Lösung zu finden, würde ich die ersten 55 Minuten damit verbringen, die richtige Frage zu suchen, denn mit der richtigen Frage kann ich das Problem in weniger als fünf Minuten lösen.“ (Albert Einstein)

 

Gewohnte Denkmuster verlassen

Eine Kultur des Fragens wird für Unternehmen überlebenswichtig. Wenn wir etwas in Gang setzen und verändern wollen, müssen wir den Autopiloten bewusst ausschalten, und unsere Reflexe neu trainieren. Das funktioniert am besten, wenn wir unsere gewohnten Denkmuster verlassen und mehr Zeit mit Fragen verbringen. Prof. Dr. Jürgen Werner schreibt dazu: „Strategisch denken bedeutet, der Frage vor der Antwort stets einen Vorrang einzuräumen. Entgegen einem gut beleumundeten Vorurteil in der Wirtschaft ist der Stratege weniger an Lösungen orientiert, denn an Auflösungen interessiert. Nichts stört ihn mehr als festgeschriebene Glaubenssätze, Standards und Stereotypen.“

Klugen Fragen wohnt also eine besondere Kraft inne. Sie ermuntern uns, über Gegenwart und damit auch Zukunft anders nachzudenken. Mit ihrer Hilfe kann es uns gelingen, vertraute Situationen so zu betrachten, als wären sie neu, um ausgetretenen Pfade zu verlassen. Steve Jobs war zum Beispiel ein großer Anhänger des buddhistischen Prinzips, das als „Shoshin“ bezeichnet wird: der „Geist des Anfängers“. Grundlage dieser Denkweise ist die Fähigkeit, fundamentale Fragen zu stellen. Mit ihnen können wir nach neuen Ideen graben und bisher ungesehene Chancen und Möglichkeiten aufspüren: „Most of the innovative entrepreneurs we interviewed could remember the specific questions they were asking at the time they had the inspiration for a new venture.“

 

Die Kunst des klugen Fragens zelebrieren

Aber was zeichnet eine kluge Frage aus? Warren Berger, der Autor von „Die Kunst des klugen Fragens“, definiert sie wie folgt: „Eine kluge Frage ist eine anspruchsvolle, aber praktisch verwertbare Frage. Sie kann die Art verändern, wie wir etwas wahrnehmen oder über etwas denken. Und das kann bei der Herbeiführung einer Veränderung behilflich sein.“ (Kunst der klugen Fragens, berlin Verlag, 2014) Eine gut gestellte Frage sollte also immer als Kompliment und Einladung zu einem Perspektivwechsel verstanden werden. Und es lohnt sich, ab und zu mal den vermeintlich Dummen zu geben, im Wissen dadurch schlauer zu werden. Wir sollten diese uralte menschliche Kommunikationsform zum essentiellen Werkzeug umfunktionieren und uns mehr Zeit nehmen, die „Kunst des klugen Fragen“ im Geschäftsalltag häufiger zu zelebrieren. Die anschließenden gewonnenen Goldnuggets lassen sich zu visionären Strategien und Lösungen für Produkte, Unternehmen und Menschen schmieden. In diesem Sinne: Noch Fragen?

 

 

Erschienen in: new business 36 / 31.08.2015

Foto: Robert Kneschke I Shutterstock.com

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